Yvonne Schöllhorn

Redakteurin & Autorin

Liebe Sister Alice Schwarzer,

Du, die einst größte Kritikerin der Ehe, die Du diese als zu konventionell und unfrei verpönt und abgelehnt hattest, rätst Frauen heute sogar zur Eheschließung, denn diese signalisiere Verbindlichkeit, gegenseitige Fürsorge und Verantwortung und gehst selber seit anno 2018 – Eheschließung mit Deiner langjährigen Partnerin Bettina Flitner – mit bestem Beispiel voran. „Ja, sind wir denn im Irren-Haus!“ entgegnest Du Markus Feldenkirchen (Spiegel, Talk) kürzlich im Feminismus-Update und „mit anti-emanzipatorischer Propaganda werden Frauen förmlich überschüttet; tradwife – das ist eine Chimäre, das gibt es doch gar nicht“, konstatierst Du bei Nena Brockhaus (Welt, Meinungsfreiheit) nebst den älteren Herren Wolfgang Kubicki und Gunnar Schupelius nach Erscheinen Deiner „99 Worte“ – Feminismus pur. Ich würde diese eher als Deine „99 Manifeste“ der feministischen Neuzeit betiteln: Darin gibst Du selbst für eingefleischte Feministinnen (aller Altersklassen) wie Feministen (diese haben erfreulich an Zahl zugenommen) intime Berührungs- und Verbindungspunkte, teils auch privater Natur, preis, die geradezu in ihrer jeweils komprimierten Beleuchtung (pro Thema durchgängig nur eine Seite und 1800 Zeichen, daneben stets eine leere Seite für Notizen Deiner Leserschaft) so viel Strahlkraft verleihen, insbesondere bei Deinen persönlichen Pointen, Anekdoten und humoresken Darbietungen, dass ich jetzt erneut guter, positiver Dinge bin, dass wir trotz jüngst erlittener Rückschläge (und, es waren viele, vor allem von Frauen selber!) im Gesamt-Fortschritt unsere feministische Ist-Zeit wie auch unsere Zukunft betreffend in eine erfolgreichere und würdevollere ausgerichtete Spur der Freiheit, Gleichberechtigung und Gleichheit ziehen können und auch müssen! Und zwar nicht nur pro Frauen, sondern auch pro feministisch-progressiver Männer. Auch, wenn diese leider noch immer und unverständlicherweise sehr überschaubar sind, auch in unserer deutschen Demokratie. Dies muss geschehen! Und, es wird geschehen, da bin ich mir ganz sicher. Es wäre womöglich schon längst geschehen, wenn jede Frau wahrhaftig aufgestanden wäre und gesagt hätte, was und wie sie es möchte oder eben nicht, und sich selbst die (ihre ureigene) Stimme gegeben hätte – das klingt banal und profan, wiederholt sich, und ich kann diese permanenten Wiederholungen (seit Jahrzehnten) fast gar nicht mehr hören und aufnehmen, und stelle mir oft vor, wie es wohl wäre, wenn alle Frauen, und nicht eben nur einzelne von sich und ihrem Sein überzeugte, selbstbewusste, wehrhafte und mutige, und zwar jeden Tag aufs Neue nennen und benennen würden, was heute konkret so nicht mehr geht und ab morgen so und so verwirklicht werden soll und muss, im Sinne unserer aller Freiheit und Selbstbestimmung. Zum Beispiel durch schnelles und versiert-verbales „Kastrieren“ mit eleganter oder direkter Ansage, um weitere Probleme gleich im Keim zu ersticken, sprich den lösungsorientierten Vorschlag stets im Visier zu behalten. Ich wende dies hin und wieder an und bei mir funktioniert es, wobei ich persönlich als Frau und Feministin mit dem Mann an sich (ich umgebe mich, wenn möglich, nur mit den „richtigen“ Menschen) nicht das Problem per se habe und sehe, sondern in der Tatsache, dass Frauen – einzelne Vorreiterinnen ausgenommen ! – es noch immer nicht geschafft haben, die Macht und den Einfluss, der ihnen zur Hälfte zusteht und gehört, umzusetzen, initiativ und selbstverständlich! Darum geht es ja letztendlich…

In unserem Grundgesetz, Artikel drei, sind Frauen und Männer gleichberechtigt, aber warum setzt sich nicht jede und jeder auch 24/7 dafür ein? Beispielsweise in der alltäglichen Kommunikation oder bevor sie sich fortpflanzen, im Umfeld, im Tätigigkeitsbereich, in den eigenen vier Wänden, in der Familie, in der Ehe, im Berufsalltag, in der Gesellschaft, am Tisch mit Freunden, am Rednerpult, im Bundestag, auf der Straße, im Netz, auf dem Wahlzettel, egal, wo – warum erziehen Frauen ihre Kinder nicht so, dass wir alle gleichberechtigt sind, leben und agieren können? Hier liegt viel im Argen. Auch im Kollektiv. Ich denke, patriarchale Strukturen und alte, nicht pro Frauen bestehende systemische Fehler (und das sind sie zweifelsfrei!) müssten und sollten schon längst von Frauen beseitigt worden sein und, dass wir uns immer und immer wieder um dieselben Themen (z. B. gender pay gap, care-Arbeit, Abtreibung, Verhütung, Femizid, metoo, Weiblichkeitswahn, Sexualität) kreisen, ist ein bitteres Armutszeugnis von Frauen (!) für Frauen (!) – sicherlich auch von Männern, von der Politik und vom Staat ebenso, allerdings obliegt es ja jeder und jedem auch, in Eigenverantwortung wie gesellschaftlicher Verantwortung, zu handeln, zu bejahen, zu negieren, aufzustehen, auf den Tisch zu hauen, sich zu wehren, Ja oder Nein zu artikulieren und es anders und besser zu machen oder dies zumindest zu versuchen, zu realisieren – und sei es nur erstmal im Mikrokosmos, leise, im Hintergrund oder diskret und öffentlich und couragiert; hier ist für jede was dabei! Bei Letzterem fehlt mir bei den meisten das Einstehen für das Eigene – wie soll „eine schöne, neue Welt“ entstehen können, wenn wir nicht selber aktiv gegen bestehende Strukturen angehen und dementsprechend auftreten? Überall, wo nötig. Auch im Kollektiv. Individuell wie solidarisch. Eben auch und vor allem verbal, in Worten, in der Sprache. Oft sind es ja die kleinen Details bei Begegnungen und Zusammenkünften, egal, wo und in welchem surrounding, auf welchem Gesellschaftsparkett, wo jede und jeder sich bekennen könnte und das Gegenüber hinweisen oder zurechtweisen könnte, aber wie oft passiert dies? Von Frauen? Bei Grenzüberschreitungen, unmenschlichem und sexistischem Verhalten, bei Illoyalität, bei Ungerechtigkeit, bei Machtmissbrauch, in Notlagen, bei Verachtung, bei Verharmlosung? Ich finde, es sind viel zu wenige! Viele scheuen die Konfrontation, die Debatte, eine Streitkultur auf Augenhöhe – diese sind aber zwingend erforderlich für ein Weiterkommen. Ich scheue sie bewusst nicht und, ich habe es oft erlebt, dass Ehrlichkeit aneckt, dass neue Konfliktherde neu entstehen – diese müssen allerdings entstehen, sonst geht nichts vorwärts! Da liegt es eindeutig an Frauen.

In den 16 Jahren ihrer Regierungszeit hat Angela Merkel maßgeblich für die Macht von Frauen auf der Welt-Bühne beigetragen, aber dass sie sich im eigenen Land als „Mutti“ (gänzlich deplatziert, nicht nur im Hinblick ihrer Kinderlosigkeit), primär von den Medien, bezeichnen ließ, präsentiert uns allen auch eine Perspektive unserer deutschen Gesellschaft.. Progressivität? Fehlanzeige! Die biologische Ungleichheit, dass bislang ausschließlich Frauen gebären – was sich ändern wird und auch muss – siehe Gebär-Robos in der Entwicklung – , ist meiner Meinung nach, die Haupt-Abhängigkeits-Problematik von Frauen. Es gibt auch Frauen, die die Macht im Gebären sehen und zum Teil auch finden. Als ich vor circa fünfzehn Jahren mit Professoren und Ärzten, auch im Freundeskreis, das erste Mal darüber gesprochen habe, dass die absolute Freiheit und Selbstbestimmung der Frau erst dann gegeben ist, wenn die Frau frei ist vom Gebären, frei ist von der Angst vor ungewollter Schwangerschaft und ihre Lust, Lüste und Leidenschaften frei von der Biologie auslebt und der Embryo auch extern (Ektogenese) heranwachsen kann (Robo, Aquarium) oder auch Männer gebären können (was ja medizinisch schon längst mit einer künstlichen Gebärmutter, einem Gebärvater, machbar wäre), stieß ich auf gar kein bis wenig Interesse. Als ich dann noch erwähnte, dass ich darüber ein Buch, einen experimentiellen, fiktionalen Roman, schreiben möchte, wurde ich weder verstanden noch unterstützt, teilweise auch belächelt und kopfschüttelnd abgewiesen: Meine Haltung, was die Freiheit der Frau und ihre Gebärmutter und das Gebären durch externe Possibilities betrifft, ist noch immer dieselbe – wir brauchen mehr Wahl-Möglichkeiten hierzu. Dass Männer sich nicht um das Gebären reißen werden, war klar, aber jede Vision ist zuvor stets eine Utopie oder wird zuvor als solche wahrgenommen. Warum sollten nicht Frau wie Mann dieselben Wahl-Möglichkeiten auch beim Gebären erhalten? Wer dann austrägt, kann ja dann jedes Paar für sich allein entscheiden. Und, in Anbetracht des immer kränker werdenden Planeten Erde, auf dem die Menschen, wie es scheint, nie genug bekommen oder immer mehr wollen, wäre Wertschätzung allen Lebewesen gegenüber, den Menschen, den Tieren, der Natur ebenso und dieselben Ausgangslagen für Frau und Mann eine Option, um jeder und jedem selber die Freiheiten zu geben, neu zu kreieren, für welche Form sie sich dann auch entscheiden mögen. Im Tierreich gebären übrigens die Seepferdchen-Männchen sehr erfolgreich..ich mag Seepferdchen schon seit meiner Kindheit. Darauf, dass deutsche Frauen im Durchschnitt immer weniger Kinder bekommen, gehe ich an dieser Stelle bewusst nicht ein, auch nicht auf die Zahl der Nicht-Deutschen und deren Kinderzahl. Dennoch ist es schon erstaunlich, dass wir als Gesellschaft beim Thema Gebären noch immer „nur“ die Frau im Fokus haben. Mich beschäftigt schon immer, warum Frauen das Grundrecht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und das ist sie, diese Würde und Selbstbestimmung – nicht einfach überall ausleben. Als Frau, als Mann, als Mensch, in jeder der individuell gewählten Leben und Rollen, in jedem ihrer ganz persönlichen Wirkungskreise. Möglichkeiten gäbe es genug. Vor allem in Deutschland. Ich vermisse das Widersetzen, das Dominante, das Mächtige beim Gros der Frauen.

Dass „die Scham die Seite wechseln muss“ – Gisèle Pelicot – hat Gott sei Dank weltweit Großes bewirkt, bewegt und verändert. Pelicot selber sieht sich nicht als „feministische Ikone“, sagt sie. Der Fall Pelicot – ihr Exmann Dominique Pelicot, der sie fast zehn Jahre lang mit Medikamenten betäubte und vergewaltigte, und 80 weitere Männer, die sie ebenfalls vergewaltigten – und wie sie (Gisèle) mit ihrem Leid umgeht, ist einzigartig und ein Meilenstein für Frauen, die Opfer von Sexual-Verbrechen sind. Ihr Buch „Eine Hymne an das Leben“ ist jetzt in Deutsch erschienen und solle auch eine „Botschaft der Liebe vermitteln, denn Hass und Wut lösen nichts und bringen nichts“, so Gisèle Pelicot.

Ich wünsche mir Frauen und Männer, die die Freiheit und die Gerechtigkeit an erster Stelle stellen und hier die Kräfte bündeln, ohne Leid (en) und schon lange vorher, ergo, bevor dieses Leiden überhaupt entstehen kann. Als ich 15 war, dachte ich, wenn ich 50 bin, werden wir nie mehr über Ungleichheiten und fehlenden Einfluss und fehlende Macht, ungleiche Behandlungen und ungleiche Bezahlungen oder ein nicht-reformiertes deutsches System oder neue Lebensmodelle oder den Feminismus generell diskutieren müssen, das Meiste davon sei dann längst in der Gegenwart etabliert und eine Selbstverständlichkeit – ich ging schlichtweg davon aus, dass unsere Gesellschaft in unserem Land, was Frauen und Männer angeht, sich ihrem progressiven Peak nähern würde und de facto auch könnte. Doch Pustekuchen!

Letztere, eben diese Freiheit, Gleichberechtigung und Gleichheit, ist die fundamentale Bedingung und der Ursprung: Du kritisierst zurecht, liebe Alice Schwarzer, dass die heute jungen Frauen und Männer (Beispiel InfluencerInnen) kaum noch etwas von dem einst Gewesenen bzw. bereits Erreichten wüssten und immer wieder bei Null anfangen statt endlich weiterzudenken; oder sie fallen gar zurück! In die fassungslos machende Tradition und Antiquiertheit, die ja mehr schadet als nützt – allen Frauen. Du forderst, sie sollen sich „auf die Schultern der Pionierinnen stellen“ und von da aus vorantreiben statt stagnieren. Der Begriff Feminismus ist keine geschützte Marke, sondern eine inflationäre Münze – jede und jeder kann sich auf ihn berufen, bis hin „zu den Anti-Feministinnen; und, gerade die tun es mit Vorliebe“.

Aus Deinen „99 Worten“, die von A wie Arbeit über C wie consciousness-raising-groups, G wie Gendermedizin, H wie Handtaschen und Highheels, I wie Islamismus, K wie Klitoris und Kopftuch, M wie Masochismus, P wie Penetration, Prostitution und Pornographie, S wie Suffragetten und Sexualpolitik, T wie Tiere, U wie Universalismus, V wie Vergewaltigung bis hin zu Z wie Zweifel reichen, möchte ich drei – die Liebe, die Macht und das Mann sein herausheben, liebe Alice! „Wahre Liebe kann es nur unter Gleichberechtigten geben, bei Abhängigkeit – ökonomisch oder sozial oder psychisch – kann von Liebe nicht die Rede sein“, schreibst Du – deswegen sei die Liebe zwischen Frauen und Männern im Patriarchat so schwer, aber dennoch möglich. Und, es gibt sie. Ich stimme zu. Dass drei von vier Frauen (und umgekehrt nur jeder 17. Mann) nach der Eheschließung ihren (seinen) Nachnamen „opfern“, ist nicht nachvollziehbar! Ich erinnere mich daran, was ich damals, als ich nach meiner standesamtlichen wie kirchlichen Hochzeit immer wieder auf den „falschen“ Nachnamen (jenen meines Mannes) angesprochen wurde, knallhart gekontert habe: „Ich darf darauf aufmerksam machen, dass ich noch immer so heiße wie vorher, nicht nur aus journalistischen, sondern vor allem aus selbstbestimmten Gründen, denn: Niemals würde ich mich einem Mann unterordnen.“ Weiteres Nachfragen verstummte automatisch. Noch schlimmer, aber unterhaltsam, finde ich die Doppelnamen – der Sinn dahinter erschließt sich mir nicht, ist nicht Fisch und nicht Fleisch, und warum heißen die Kinder nicht schon alle längst wie ihre Mütter?, aber „Leutheusser-Schnarrenberger“ hat bis heute Kultstatus, da einmalig. Beim Stichwort Macht betonst Du, diese sei unentbehrlich, will man etwas gestalten und bewirken. Dem ist nichts hinzuzufügen! „Nicht die Macht an sich ist problematisch“, sondern der Missbrauch von ihr. Wäre es hier nicht doppelt notwendig, dass sich Frauen formieren und mindestens die Hälfte der Macht zum Gestalten für sich reglementieren und, warum scheitert dies so oft? Da wären wir erneut beim Versagen im Kollektiv..und beim Punkt, dass Frauen selber zu wenig für Frauen tun und dadurch, als Konsequenz, selber viel in diesem „Nichttun“ verschulden. Männer könnten auch anders, heißt es im Kapitel „Mann sein“: Es existiere ein Drittel der Machos (einfach links liegen lassen!), ein Drittel der Gleichgültigen und eines der Positiven – die letzt Genannten seien jene Männer, die sich Mühe gäben, eben keine Machos zu sein, und einfach nur Menschen sein wollen. Bravo! Sie müssen wir Frauen bestärken..! Zur Not mit Humor – Schwarzer zitiert auch einen Witz: Was macht eine Frau, deren Mann sich beim Kartoffelholen im Keller zu Tode stürzt? Nudeln! Hahaha. Geschmacklos, männerfeindlich, so die Reaktionen. Es darf trotzdem gelacht werden. Seitens aller.

Fazit von 99 Worten: Wer diese, Deine Begriffe, liebe Alice, nicht als Gesamtwerk inhalieren will, was er dennoch dringend (Frauen und Männer) sollte, möge sich zumindest diesen Satz auf Seite 51 unten eintrichtern: „Selbstverständlich waren sowohl die historischen wie die neuen autonomen Feministinnen immer für die Abschaffung aller Machtverhältnisse, gegen Rassismus und Klassismus“ (siehe auch meinen Blogbeitrag hier unten zur „Klasse“ von Hanno Sauer vom Januar 2026), „gegen Gewalt, gegen Machtmissbrauch und Ungleichheit der Rechte und Chancen“. Es ist der Verdienst der „ersten“ Feministinnen, von Simone de Beauvoir über Kate Millett, Mary Jane Sherfey bis zu Dir, liebe Alice Schwarzer, dass wir heute so leben, wie wir leben! Machen wir es ergo alle fortschrittlicher, besser, freier und selbstbestimmter, mächtiger, größer und insbesondere teilhabender für uns und Andere!