
Yvonne Schöllhorn
Redakteurin & Autorin
Lieber Professor Hanno Sauer,
„der akademische Habitus ist meine Kinderstube“, blicken Sie biographisch in Ihrem schriftstellerischen Entrée zurück und erzählen, dass Ihre beiden Elternteile promoviert sind und, dass Ihr Vater zu pflegen sagte: „Der Mensch fängt erst beim Doktortitel an“; und, obgleich Sie selber diesen „Bildungsaristokratismus“ nicht teilen, hätten Sie dennoch stets von Ihren Klassenprivilegien profitiert. Selten habe ich ein so gekonnt-progressiv-formidable komprimiertes, kanalisiertes, selektiertes, strukturiertes, perfekt-perspektivisch switchendes wie sprachlich, inhaltlich, mannigfaltig beleuchtetes und exkursiv, streckenweise auch süffisant-unterhaltsam, geschriebenes Sach (!)- Buch wie Ihre „Klasse“ (Sachbücher ermüden einen in der Regel, man bleibt oft nicht weiter ohne „Qualen“ dran, wenn man nicht muss..) gelesen, ja, fast obsessiv-passioniert durchforstet, reflexiv und mit Ebenen übergreifendem Genuss beackert und mich streckenweise zudem visuell-lustvoll-humoristisch über einzelne Passagen erheitern wie hingeben können! Mit bewusst eingelegten Pausen, versteht sich, und einem big Cappuccino, um das Bewusstsein vertiefend zu schärfen und in aller Ruhe und mit ausreichend Muße zu hinterfragen, im Kontext des eigenen Seins und vor allem im Zusammenspiel respektive im Wechselspiel mit Menschen und natürlich auch innerhalb unserer Gesellschaft wie auch letztere per se. Allein das gewählte Titelbild (als eye-catcher) Ihrer „Klasse“ spricht schon Bände! Es deckt in Ihrer Thematik alles ab; der aufmerksame Betrachter erkennt in einer Sekunde alle Details – von „Asse“ in der „Klasse“, vom Sonnengelb der Ladies bis zu den Flowers, vom Pool bis zu den Palmen, vom Blond der Häupter bis zum Lesestoff und der Sonnenbrille auf dem Tischchen, von der Gestik und Mimik der Damen in ihrem jeweiligen Styling und story telling über die Gipfel der Berge hinauf bis zum blauen Himmel. Die Szenerie erinnert mich an ein privates Treffen im Tessin am Lago Maggiore – mein zweiter Kraft-Ort jenseits von Bayern, auf der italienischen Seite und zwar seit zwanzig Jahren. Dieses Foto, lieber Hanno Sauer, ist nicht einmal überzeichnet, in der Realität übertrifft es dieses oftmals noch..obgleich das „Desert House“ in Palm Springs von Slim Aarons (getty images ) bereits 1970 aufgenommen wurde, ist es hoch-aktuell – Stil, Kultur und Klasse zeigen sich eben zeitlos..
Klasse ist sozial konstruierte Knappheit, der Klassenkampf ein Competition um Status und Statussymbole, so der Kern Ihres Werks, das Sie in acht „G-Punkte“ inklusive Vor- und Nachspiel separiert haben und über dem der Begriff Distinktion schwebt – ergo: übersichtlich gestaltet und gehalten, so, dass zudem ein Querlesen möglich, aber nicht empfehlenswert, ist, weil es Ihnen bravourös gelingt, die Leserschaft auch durch weniger mitreißende Seiten und sehr oft (!) US-amerikanisierte Rechercheergebnisse (Ihr Denglisch mag ich, aber mir fehlt, inhaltlich betrachtet, das Deutsche darin..) sprachlich und zugleich durch rar eingestreute persönliche Anekdoten mitzunehmen verstehen, wodurch Sie als Mensch sichtbarer werden, was Sie sympathisch, fast emotional, macht und beim Blättern in persona vor dem inneren Auge erscheinen lässt. Bei der kontinuierlichen, mitunter zähen Aufzählung von Studien, Fakten, Zahlen, Maximen, Werten, Codices – die in Summe zweifelsfrei informativ sind (keine Frage) und, in denen sich sicherlich das Gros der Leserinnen und Leser erkannt und auch bestätigt fühlen dürfte, fehlt mir allerdings der direkte, explizite Blick in und auf unsere deutsche (!) Gesellschaft, unser System und unsere Klassen, insbesondere beim Thema Feminismus (neben Seximus und Ableismus, die Sie ja im Buch auch fokussieren) und auf die Frage, warum wir in reinen Frauenklassen, Frauenzirkeln, Frauenverbindungen etc.p.p. noch lange nicht so mächtig auftreten (man denke nur an die überstrapazierten Begrifflichkeiten „Gender-Pay-Gap“ und „Class Salary Gap“) und auch als Gemeinschaft (es muss ja nicht ad hoc das Matriarchat sein) nicht mindestens genauso einflussreich sind wie Männer, als Gruppe, egal, was jede einzelne Frau wirkt und bewirkt, und weshalb noch immer nicht viele Frauen mit anderen Frauen kooperieren (fehlende Solidarität, fehlender Zusammenhalt) wollen und/oder diese Kooperation bewusst negieren oder desaströs an die Wand fahren, wohlgemerkt in Deutschland. Sie beschäftigen sich ja zumeist mit den USA und Amerika. Ich denke, hier ist dennoch sehr viel Luft nach oben, von Frau und Mann aus deutscher, gesellschaftlicher Warte aus. Man könnte jetzt denken, dies könnte, von Ihnen, als Autor, so bewusst inszeniert und gewollt sein. Und, ist es vielleicht auch. Dies können wir gerne an anderer Stelle „nachbesprechen“. Dennoch fehlt mir persönlich ab der Mitte des Buches (insgesamt umfasst dieses 320 Seiten) das konkrete, tiefere Eingehen auf das Frau-Mann-Gesellschafts-Konstrukt in Deutschland in Bezug auf Klassen und, warum nicht schon längst Frauen in der Mehrheit (oder alle), zu welcher Kategorie und Klasse sie sich selber zählen mögen oder wahrhaftig gehören (auch Klassen können frei und selbstbestimmt agieren und verändern sich, auch temporär, auch die traditionellen und konservativen), sich den bestehenden Systemen widersetzt haben oder zumindest, ähnlich wie Männer, gleichbedeutend ihre eigenen etabliert und mit Blick und Intention in die Zukunft ausgebaut haben – inklusive aller von Ihnen genannten Möglichkeiten, Gegebenheiten und dem Status quo, der für die Mehrheit der Männer gilt und, trotz allem Fortschritts und aller Errungenschaften, noch immer zu wenig von Frauen für Frauen auch gelebt werden. Ich meine hier nicht in erster Linie die monetären, sondern vielmehr die kultivierten, fein- und schöngeistigen, die kreativen, die ethisch-moralischen, die freien und die Grundwerte-orientierten. An diesem Punkt ist das männliche Dominanz-Momentum noch immer die Regel, auch, wenn Ausnahmen diese pro Frauen glücklicherweise zunehmend mehr und selbstbestimmt bestätigen.
Ihrem Untertitel „die Entstehung von Oben und Unten“ schenken Sie dezidierte Aufmerksamkeit mit sehr guten Belegen und Nachweisen. Dreh- und Angelpunkte: ökonomisches, kulturelles, symbolisches, soziales, ästhetisches, erotisches und moralisches Kapital, in den Aufteilungen Gesellschaft, Geschmack, Gewissen, Geld, Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Genug, angefangen mit kurz skizzierten Geschichten aus dem Leben. Der US-amerikanische Ökonom Thorstein Veblen (seine „Theorie der feinen Leute“) ist Ihr Favorit, gefolgt vom deutschen Philosophen Karl Marx und dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu – auch für Nicht-Insider ist das Buch mit vielen Namen und Persönlichkeiten prall gefüllt, verständlich artikuliert und transportiert und zeigt die teuren, fälschungssicheren Signale als Alleinstellungsmerkmale auf, auf die es ankommt, befasst sich zum Beispiel mit der neuen Aretokratie, mit der Moralphilosophie als Signalling, der Fragilität von Statuswettbewerben, der Frugalität als Ideologie, den Merkmalen von Distinktion, der moralischen Selbstdarstellung, dem Eigensinn des Ästhetischen, dem interesselosen Wohlgefallen, Stigma und Ruhm, dem Caviar cope, dem Linder-Theorem, Keeping up with the Joneses, dem Buddenbrooks-Effekt, der Erblichkeit von Status, der Anatomie von Statushierarchien und beispielsweise der Statusangst, der Emporiophobie und natürlich mit der Anzahl der Klassen, um nur ein paar hervorzuheben. Sie nennen vier Klassen, andere Autoren weit mehr. „Zugespitzt könnte man sagen, dass für viele Menschen – und wenn Sie dieses Buch lesen, gehören Sie wahrscheinlich dazu – ein sinn- und wertvolles Leben an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse gebunden ist, deren Existenz gleichzeitig von strukturellen Bedingungen sozialer und ökonomischer und sogar globaler Ungleichheit abhängt, die wir insgesamt für moralisch beklagenswert halten. Darin besteht die diskrete Scham der Bourgeoisie.“
Aufgefallen ist mir zudem die „creative class“ (Richard Florida), wo Sie auf „high status/low pay“ eingehen und gleich die Berufe der Professoren, sprich Ihre eigene Berufung, sowie jene von Journalisten, Politikern und Schauspielern inkludieren, die mit einem hohen Status verbunden sind, allerdings finanziell nicht besonders auskömmlich sind. Wie wahr.. In die „Evolution von Prestige“ beleuchten Sie das gesellschaftliche Prestige und wie Sie hier kurz boulevardesk einen Werbefilm darreichen und anhand dessen erklären, wie die feine Assoziation mit sozialem Status, mit Ruhm, Schönheit, Reichtum und Geschmack zur Genüge reicht, beschert Ihnen mit Sicherheit eine neue Anhängerschaft fern der Wissenschaft und außerhalb von Ihrem Radius, was gesellschaftlich betrachtet meiner Meinung von Vorteil ist, da Blickwinkel sich weiten können, nicht ausschließlich beim Individuum. Übrigens für Frau und Mann gleichermaßen. Sie decken zahlreiche Inputs und Impacts in Ihrem Buch ab, mit Feder-Leichtigkeit und sich selbst als modernen Status-Klasse-Mann im verbalen Austausch auszeichnend – auch, wenn Sie in Talks sitzen, (re-)zitieren Sie unaufgeregt-stilvoll, und zwar auf Augenhöhe (that‘s the point!), und erzählen ganz nebenbei, worauf es ankommt, speziell ganz oben, ohne sich selber höher zu stellen (hohe Authentizität – Chapeau, Monsieur!); an mancher Stelle zum Beispiel sprechen Sie die Leser persönlich an, holen sie in Ihr Boot, was immer exklusiv und echt und nahbar wirkt – und bauen Brücken aus Sprache und imaginärer Berührung, das ist die wahre Kunst, nicht nur in der Kommunikation.. und, selbst Gott, moralische Haltungen und Luxus-Meinungen finden neben dem alten und dem neuen Geld, und den Fragen: Wer ist reich?, Was ist Sozialismus? und Hätte eine klassenlose Gesellschaft überhaupt eine Zukunft? finden in Ihrer Schrift ihren Platz.
Und, noch zwei letzte brennweite Blicke, auf die ich eingehen möchte : „Personen aus höheren sozialen Klassen neigten dazu, Statuskategorien stärker zu essentialisieren – aber warum?“ fragen Sie. Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass wohlhabende Menschen mit guter Ausbildung es attraktiv finden, „sich selbst wirklich für etwas Besseres zu halten, auch als zugehörig zu einer Gruppe von Menschen zu empfinden, die wirklich aus feinerem Holz geschnitzt ist.“ Statushierarchien sind tief mit unserer Evolution verwoben; unser visueller Wahrnehmungsapparat ist so fein auf Klassenunterschiede abgestimmt, dass wir diese sogar am Gesicht eines Menschen erkennen können – in einer Studie von 2017 befragten die kanadischen Psychologen Thora Bjornsdottir und Nicholas Rule ihre Testsubjekte, ob sie eine Reihe zufällig ausgewählter Gesichter als reich oder arm identifizieren konnten. Der Effekt ist stark: Mit hoher Trefferquote gelang es diesen, reich und arm zu unterscheiden. Dies ist verblüffend, sagen Sie, weil nicht klar sei, auf welcher Basis welche Informationen diesen Urteilen zugrunde liegen. Personen, so weiter, die einer höheren sozioökonomischen Schicht angehören, neigen stärker dazu, Klassenessentialisten zu sein, also, die Statuszugehörigkeit einer Person für ein wesentliches, angeborenes und unveränderliches Merkmal einer Person zu halten.
Da fällt mir die Aussage von Nadine Baronin de Rothschild ein, die ich einst in Genf zum Interview mit anschließendem Dinner besuchte und die mich mit ihrer ganz persönlich-liebenswerten und großzügig-wertschätzenden Gastfreundlichkeit empfing: Sie antwortete auf meine Frage, ob denn jeder Mensch jede Form der Etikette perfekt erlernen könne, um hernach „ganz oben“ mitzuspielen in der Lage sei, wenn er nur perfekt dazu angeleitet werde würde, mit folgendem Satz: „Es ist Vieles machbar, nach oben hin, aber es gibt eine markante Ausnahme: Einem vulgären Menschen mit einem vulgären Habitus können Sie niemals das Vulgäre in und an sich selber abtrainieren“, so die Witwe des Bankiers Edmond Adolphe Baron de Rothschild ( 1926-1997).