
Yvonne Schöllhorn
Redakteurin & Autorin
Lieber Chefredakteur Peter Müller,
Ilse Aigner, die unangepasste, nie verheiratete, „sau-freche“ Politik-Super-Woman mit erfrischend-ansteckender Bodenhaftung, christlichen Werten und dichtem Draht nach oben, politisch, spirituell wie gesellschaftlich, die als junge Frau beinahe einem Tumor erlegen wäre, die wahrscheinlich und hoffentlich nächste – anno 2027 – erste BundespräsidentIn Deutschlands, spricht in Ihrem viel zu kurzen AZ-Interview, lachend-schmunzelnd darüber, dass es total „sträflich“ von ihr sei, dass sie auch heute noch, mit 61 Jahren, in sogenannten ungeklärten (Gibt es diese überhaupt? Falls ja, wie unterscheiden sie sich von geklärten?) Familienverhältnissen lebe und, dass sie früher aufgrund dieser nicht klaren Verhältnisse, sprich ihrer Ehelosigkeit, als Frau von Frauen in der Politik massiv diskreditiert wurde und, dass Frauen gegenüber ihr kritisch (Veto zu ihr als Bürgermeisterin) eingestellt waren (und nach eigenen Angaben noch immer sind) und, dass es genau diese Frauen seien, die „nur ihr eigenes Familien-Modell“ für das einzig Richtige erachteten und stringent daran festhielten, Männer hingegen niemals an sich selber und Ihrem Selbstwert zweifeln würden und Frauen sich zu wenig trauten. Wumms!
Zuerst dachte ich mir, nicht schon wieder diese Gääähn-Klischee-Wiederholungs-Spirale, aber Aigner trägt wichtige Erfahrungen nach außen, die wertvoll sind und für andere Frauen (und Männer!) inspirierend sein können und, leider Gottes ist es immer noch so, dass nur ein Bruchteil sich die Welt so macht wie es ihr gefällt – sicher, Pippi Langstrumpf ist auch schon lange her, aber ihr Wesen im Kern und die Botschaft darin hat nichts an Aktualität verloren und so mancher Frau mit und ohne politischem Amt oder gesellschaftlicher Funktion täte diese Grundhaltung des Anti-Autoritäten gerade heute sehr, sehr gut. Ich weiß, wovon ich spreche, immerhin bin ich Feministin, ein Einzelkind, frei und anti-autoritär aufgewachsen und habe mir dies auch als erwachsene Frau immer bewusst beibehalten und lebe es auch. Hoppsasa!
Mal abgesehen vom neu gegründeten „Bavaria ruft!“ als Input hätte ich mir, lieber Peter Müller, an dieser Stelle schon mehr an feministischem Tiefgang, und zwar aus Ihrer männlichen Sicht- und Herangehensweise, zum Menschen Ilse Aigner (oder von Co-Autorin Sarah Ritschel) gewünscht wie erwartet, nicht nur in Bezug auf Aigners‘ Aufgabe als mächtige Frau und bayerische Landtagspräsidentin, sondern vielmehr im Kontext ihrer (von Aigner) privaten Entscheidungen in ihrem eigenen Leben – also, zum Beispiel die Frage, warum wir in 2026 noch immer intolerant und scheuklappig über Frauen diskutieren, die sich gegen die Ehe und gegen Kinder entscheiden und an diesem Punkt fast in eine unfassbar-unerträgliche Neandertaler-Perspektive zurückfallen, die schon längst passé ist und auf der anderen Seite die Mutterrolle – meist unter Frauen themselves und im nicht mehr ganz zeitgemäßem System des Staates und der Politik, gerade innerhalb der CSU, (Stichwort: zu viele alte, weiße Männer und zu wenige intelligent-dominante Klasse-Frauen aller Altersklassen) selber – noch immer glorifizieren (die Mutterrolle), was völlig aus der Zeit gefallen scheint und insbesondere jene Frauen verletzt und verachtet, die weder die Ehe noch Kinder möchten, was gänzlich legitim ist und in einem freien, demokratischen Land wie dem Freistaat Bayern und Deutschland anerkannt werden sollte, auch von jenen, die sich für die Ehe und für Kinder entscheiden. Ich wusste schon als Teenager, dass ich keine Kinder möchte, ich bin seit 28 Jahren verheiratet und kenne unzählige Anfeindungen zum Thema Kinderlosigkeit – übrigens auch von liberalen Menschen wie auch aus der eigenen Herkunftsfamilie bis zu emanzipierten Freundinnen und Freunden und habe dieses Unverständnis derer nie nachvollziehen können.
Ilse Aigner ist mit BundestagspräsidentIn Julia Klöckner der Inbegriff der frei-modern-einflussreichen, politischen Frau mit Weiblichkeit, Ausdrucksvielfalt, Kurven und Verve, mit Durchsetzungskraft, Leuchten in den Augen, Stil und Stärke, die das echte (!) Leben kennen (welcher Mann in der Politik kann das schon bieten und von sich selbst sagen?) und, gerade, weil beide keine (!) Kinder haben und genau dadurch auch das teils obsolete Frauenbild revolutionieren. Mir persönlich fehlen mehr solcher Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft – jene Frauen, die ihr eigenes Ding machen, ohne zu schauen und zu denken, wie dies Andere sehen und beurteilen könnten oder, ob dies zu ihrem Nachteil sein könnte oder es ihrem Verständnis von Opportunismus entspricht. Ilse Aigner und Julia Klöckner sind die authentischsten Vorreiterinnen der Ist-Zeit. Kinderlose und freie Pionierinnen. Weil sie für uns alle, Frauen wie Männer, eine wichtige Botschaft in die Öffentlichkeit transportieren, die da lautet: Meine Entscheidung ist meine Entscheidung. Punkt. Aus. Amen. Auch, wie die beiden Damen mit ihren ganz privaten Entscheidungen und dem Boulevard umgehen, was sie zeigen und was nicht. Da kann sich manch Andere was abgucken. Hier sind die zwei Ladies ebenso großartig, open-minded allen Geschlechtern gegenüber und sehr klug, Klöckner glamy und chic, Aigner natürlich und nicht weniger interessant.
Apropos Glamour und Boulevard: Lieber Peter Müller, als Leserin Ihrer Zeitung, mit der ich innerfamiliär-journalistisch schon qua Geburt verbunden bin, als Studentin für die AZ geschrieben habe und mich später ganz dem Magazin-Journalismus verschrieben habe, vermisse ich seit vielen Jahren die Rubrik „Gesellschaft“ (Namen & Neuigkeiten etc.) in Ihrem Blatt – es muss ja nicht gleich mehrfach die Woche oder auf Hochglanz-Promi-Niveau sein, ein regelmäßiger, kleiner oder mittelgroßer Blick hinter die äußeren Fassaden mancher hier Lebenden in der Stadt- und Landausgabe wäre schon mal wieder angesagt und gleichzeitig auch die Aufgabe einer Monopol-Heimat-Zeitung, die sonst auch alle anderen Bereiche abdeckt, finden Sie nicht? Nicht nur aus meiner Zeit als Chefreporterin in der Fuggerstadt und spätere Burda-In- und Auslands-Reporterin kenne ich die „Gold-Schätze“, die hier, im Verbreitungsgebiet, präsent sind und es diese nicht aus ihren Schatztruhen zu Ihnen in die Spalten schaffen. Das ist sehr schade, ja, bedauerlich und schmälert Ihren Auftrag, nicht nur mit Blick auf aktuelle und zukünftige LeserInnen. Bei so einer langen Historie der Stadt, der nicht wenigen Einflussreichen aus Geld-Adel, Kultur-Adel und wahrhaftigem Adel, finden diese und andere Gesellschafts-Parkett-Performer – und das Nachfragen bei diesen innerhalb ihrer gesellschaftlichen Zusammenkünfte und ihrem Wirken von und mit Menschen – wenig bis gar nicht mehr in Ihrer Zeitung Platz respektive statt. Auch das Humoristische und Illustre, das psychologische und die menschliche Leidenschaft fokussierte Element innerhalb der gesellschaftlichen Exkursionen in der drittgrößten Stadt Bayerns scheint rein journalistisch in der Augsburger Allgemeinen wie vergessen und ausgestorben.
Dabei ist es doch genau das, was die nüchternen Fakten des Alltagsgeschehens aufhellt und neben den Schicksalsgeschichten, die einen Standpunkt und Blickwinkel erweitern können, aus gesellschaftlicher wie individueller Leser-Sicht. Es geht nicht ausschließlich um People, People, People, diese können andere Medien beackern, ich meine investigative und exklusive behind the scenes-Stories, die hier direkt um uns passieren, zum Beispiel intellektuelle Aufschreie, Prominente und ihre Privacy, Schicksale und Lebens-Brüche, gesellschaftliche Splitter, hochkarätige Charaktere und ihr Denken, freie Lebensentwürfe, große Emotionen, Provokationen und Ungenormtes – Menschen, die benennen und Neues wagen und auch darüber sprechen, um andere zu ermutigen, mit großen Fotos aufgemacht, damit ich als Leserin Lust verspüre, weiterzulesen..
So, wie einst bei Aigners‘ Aussage: „Offenbar ist eine alleinstehende Frau für viele noch immer das Schlimmste, ein vollkommen inakzeptabler Zustand; man kann geschieden sein, zum vierten Mal verheiratet sein, schwul, lesbisch oder irgendwas sein, aber alleinstehend, das geht nicht, da ist was faul.“ Und Klöckner: Der Frauenförderung sei nicht gedient, wenn wir „Männer diskriminieren und aufs Alter reduzieren“. Damit würde man den Frauen „einen Bärendienst“ erweisen. Es gäbe aber auch viele Frauen, die sich bewusst gegen ein Amt entscheiden: „Wir müssen beim ‚Warum‘ ansetzen. Für mich heißt Feminismus, sich für Frauenrechte einzusetzen. Ich bin Jahrgang 1972 und profitiere von den klassischen Feministinnen, die für die Frauen meiner Generation viel erkämpft haben.“ Dito! Noch viel zu tun..für beide Geschlechter. Danke, Ilse, danke, Julia!
