
Yvonne Schöllhorn
Redakteurin & Autorin
Lieber Harald Martenstein,
Sie bedienen sich eines erschreckend antiquierten, rein-männlich-patriarchalisch geprägten Duktus, wenn Sie behaupten, dass es „nicht automatisch immer und allein schon aufgrund seiner Genitalien der Mann ist, der lügt“, womit Sie ja im Kern Recht haben, und ich stimme Ihnen in diesem Punkt der Unschuldsvermutung vollumfänglich zu, dennoch geziemt es sich aus der männlichen Perspektive im Jahr 2026 – und Sie sind nun mal ein „ganzer“ Mann, denke ich – nicht, insbesondere in Solidarität mit und zu beiden Geschlechtern wie auch aus Anstand und gutem Benehmen, Pinar Atalay in der von Ihnen gewählten Form zu diskreditieren. Gott sei Dank haben wir in Deutschland Gewaltenteilung, Grundrechte, in denen die Würde des Menschen unantastbar ist, Freiheiten, den Feminismus und die Pressefreiheit.
Glauben Sie wirklich, dass eine Frau und Journalistin wie Pinar Atalay von Ihnen eine Aufforderung zum Googeln benötigt, wenn es um die Gewaltenteilung geht? Da Sie, lieber Harald Martenstein, sich offensichtlich daran (auf-) reiben, zeigt auch, dass es Ihnen ein Bedürfnis war, Atalay zu belehren – und letzteres stößt mir auf! Ich werfe vielmehr die Frage in den Raum, warum Atalay überhaupt auf Kanzler Friedrich Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil im RTL-Nachtjournal-Spezial-Gespräch mit Schauspielerin Collien Fernandes eingeht? Rein journalistisch ist diese Frage legitim, aber war sie unbedingt nötig, um Neues oder Reflektiertes für die Zuschauerschaft in dieser sensiblen Geschichte zu liefern, nicht zuletzt da den Deutschen die Unabhängigkeit der Justiz allseits bekannt ist? Meiner Meinung nach nicht, da sie (die Kanzler-Frage) in den überschaubaren 15 Minuten des Talks unter Frauen den unwichtigsten Part darstellte. Erheblich interessanter war doch die Aussage von Fernandes, dass sie ausschließlich Politkerinnen kontaktiert hätten, ergo, kein einziger Mann aus der Politik an sie zum Austausch zu häuslicher und digitaler Gewalt, zu Deepfakes und Fakes, herangetreten sei. Noch einen Tick interessanter, da menschlicher und gefühlvoller, wirkte auf mich Fernandes‘ Satz, dass sie sich, nach allem, was sie durchgemacht und erlitten hat, eine „gesunde Beziehung zu einem Mann“ wünsche, in der nichts Schlimmes passiere. Vor dem Hintergrund der Worte von Dirk Peglow, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter, der sagte, „besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen“ – in dieser ist nämlich das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden“, so die Statistik, denn, psychische, physische oder sexuelle Gewalt für Frauen liege „sehr häufig nicht beim anonymen Fremdtäter, sondern eben im sozialen Nahraum“. Und, in dem von Collien Fernandes Erlebtem, erscheint das Wunsch-Bild vom „perfekten Beziehungsglück“ jetzt, Wochen danach, fast nachdenklich und hoffnungsvoller, denn der Mensch wächst mit seinen Geschichten und seiner Geschichte, seinen Erfahrungen und seinen Entscheidungen.
Das Armutszeugnis in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben und in unseren Gerichtssälen ist aber, dass Bundesjustizministerin Stefanie Hubig sich jetzt zwar endlich vorwärts bewegt (das neue Gesetz gegen digitale Gewalt zielt auf einen verbesserten Schutz vor Hass, Deepfakes und Cyberstalking an; der Entwurf sieht neue Straftatbestände im Strafgesetzbuch vor und soll Betroffenen helfen, zivilrechtlich schneller gegen Täter vorzugehen), wir aber bis dato noch immer keinen Paragraphen in unserem Rechtssystem für diese Art von Gewalt haben respektive ein solcher schon realisiert wurde. Ganz zu schweigen von der ewig fehlenden Sensibilität diesem Thema gegenüber, bis Collien Fernandes mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging. Nicht nur gesellschafts-politisch, auch innerfamiliär.
Und, was noch viel bitterer ist, ist die Tatsache, dass Fernandes selber nicht von dem, für was sie kämpft, profitieren wird – sondern erst die nächsten Generationen von Töchtern und deren Töchtern. Dass sie im Stern „Ich weiß nicht, ob ich einer Frau heute sagen würde: Zeig ihn an!“ betonte, ist, nach den Hasstiraden, Vorwürfen und dem Psychoterror, die sie nach dem „Spiegel“-Interview erfahren musste, verständlich, aber aus feministischer Sicht nur teilweise, da dieses Statement auch einen Zweifel an das vorangegangen Ausgesagte und das eigene Selbstbewusstsein durchscheinen lässt, bewusst oder unbewusst, und das müsste nicht sein! Warum diese Kehrtwende? Die Selbstbestimmung der Frau per se und jeder einzelnen Frau ist das oberste Gebot für Frauen und auch für Männer – wer das noch immer nicht verstanden hat, ist und bleibt ein Neandertaler, und dieser Nicht-Salon-Fähige ist ja schon lange ausgestorben! Schlimmer ist es, dass es Frauen noch immer nicht schaffen, Männer so zu erziehen, so zurechtzuweisen, Männern so gegenüberzutreten, sie so zu kastrieren, dass Gewalt erst gar nicht entsteht oder ein Nährboden für diese Gewalt, auf welche Art und Weise auch immer, entstehen kann! Für beide Geschlechter! „Nachschärfung der Nachschärfung“ hat es Collien Fernandes bei Pinar Atalay genannt. Wir sollten uns, als Gesellschaft, mehr damit beschäftigen, in die Seelen der Menschen zu blicken, um sie zu verstehen und einen besseren Umgang im Miteinander mit Respekt und auf Augenhöhe zu pflegen, als Genitalien- wie Geschlechter-fixiert zu artikulieren und zu agieren.
In Ihrer BILD-Kolumne, die ich liebe und wertschätze, lieber Harald Martenstein, ist mir dieses Mal zu viel Mann-, Penis- und Eier-Dominanz! Aber nichts für ungut – auch wenn Ihnen darin der sprachliche Spagat durchaus grandios gelungen ist, werden irgendwann auch (alle) Männer Feministen werden und (alle) Frauen in der Lage sein, die Welt ohne (!) Gewalt (!) zu regieren und Gewalt von Männern zu negieren. Das wird kommen – so oder so. Eine Erneuerung von innen heraus. Mit einem Üben in Geduld inklusive. Viel Umbruch für das männliche Geschlecht; nicht zu verwechseln mit dem männlichem Genital. „It’s a (wo-) man’ s world“.. „Ach, wie sehr braucht der Mann doch die Frau. Ich bedauere den Mann, der keine Frau hat. Denn er ist in der Wildnis verloren. Verloren in Bitterkeit. Verloren in Einsamkeit“, lyrics from Betty Jean Newsome und James Brown anno 1966. P. S.: An Pinar Atalay gibt es in diesem besagten Frauen-Dialog inhaltlich gar nichts auszusetzen, lieber HM, – außer vielleicht, dass das von ihr an diesem Abend getragene Krawatten-ähnliche Accessoire sie unnötig männlich erscheinen ließ; dies ist aber „nur“ eine subjektive, weibliche Wahrnehmung im Momentum und eine Klitzekleinigkeit in eben dieser Optik, ohne Auswirkung auf den Inhalt und die Substanz des top geführten Interviews …