Yvonne Schöllhorn

Redakteurin & Autorin

Lieber Papst Leo XIV.,

Foto: Papst Leo XIV.

wie viel stärker und brutaler verroht und verwahrlost im Herzen, im Geist, in der Psyche und in der Seele wäre der Mensch und die Welt ohne Ihre aktuellen und prägnanten Post-Oster(n)-Worte, ohne Ihre christliche Klarheit und verbale Deutlichkeit, die zugleich auch eine würde- und liebevolle Annäherung an alle, egal, welchem Glauben oder Nicht-Glauben sie auch angehören mögen, bedeuten und deutlich machen, wie statisch, individuell und kollektiv krank wir Erdenbürger doch offensichtlich in unserer irdischen Begrenztheit erscheinen und geworden sind.

Als liberale Protestantin ist mir nicht Weniges innerhalb des katholischen Kirchen-Apparats, speziell die Diskriminierung von Frauen und die Ablehnung der Frauenordination zuwider und ein Dorn im Auge, auch die beharrende Intoleranz gegenüber Abtreibung, Sterbehilfe, Homosexualität und Regenbogenfamilien, dennoch bin ich der Auffassung, dass auf einer derzeitig so radikal unmenschlichen und unsolidarischen Erde, die von (Männer)-Gewalt und männlicher Kriegs-Führung gezeichnet ist und weiterhin, tagein, tagaus, gezeichnet wird, ein Papst wie Sie – aus den Vereinigten Staaten von Amerika, Chicago, stammend – Gott sei Dank (noch) gesehen und gehört wird! Auch von Narzissten, Präsidenten, Selbstüberschätzern, geistig Umnachteten, „Der Staat bin ich“-Mentalisten, Falschmeldern, Fakespendern und sonstigen Abtrünnigen. US-Präsident Donald Trump hat indes sein AI-Ungeheuer-Selbstbildnis (in Jesus-Pose) wieder gelöscht. Immerhin. Jetzt braust die Wut von Vize J.D. Vance, einem Spätberufenen, seit 2019 zum Katholizismus konvertierten Getauften, der protestantisch aufwuchs, erst richtig auf und hoch.

Ich möchte eine Lanze brechen – nicht nur für Sie, Heiliger Vater, auch für die Nächstenliebe und die Barmherzigkeit per se und das Christentum als Grundwerte-, Kultur- und Welt-verbindende Gemeinschaft und erinnere mich an eine markante Aussage eines sehr guten spirituellen Freundes und Redakteurs-Kollegen, der, als wir, wie so oft, über Zweifel und das Zweifeln, die Religion, die Philosphie und die Welt (-Problematik) diskutiert hatten, mich sanft, ja, fast väterlich-weise zur Reflexion ermahnte (er war nicht nur Journalist, sondern auch studierter, katholischer Theologe und ein gutes Stück älter als ich) und meinte: „Siehst Du eine wahrhaftige Alternative zu Gott, zu Jesus, zur christlichen Lehre, unabhängig davon wie schmerzlich oder schlimm etwas empfunden oder sein mag? Wenn ja, was wäre es?“ Ich überlegte nicht lange und erwiderte: „Nein, es gibt keine Alternative für mich!“ Wir verstanden uns ein Leben lang auch nonverbal und ökumenisch Brücken bauend; eine platonische Liebe mit unendlichem Respekt und Bewunderung füreinander. Er ist viel zu früh und zu schnell gestorben und ich habe trotzdem noch immer eine Verbindung zu ihm und er zu mir. Durch und mit ihm habe ich als junger Mensch unzählige wertvolle Begegnungen unter dem Dach der katholischen Kirche privat wie beruflich erlebt, die mir als rebellische, evangelische Christin (die bin ich noch immer!) innen wie außen und an vielen Orten Horizonte eröffnet haben, in denen nicht das im Mittelpunkt stand, was uns trennt, sondern das, was uns vereint, und Letzteres hat mein Leben und Denken geprägt und mich als Mensch seelenhaft-selig erfüllt. Dies ist nur ein persönliches Beispiel dafür, dass man doch – im Kleinen wie im Großen – immer wieder selber und eigenverantwortlich wie gesamtverantwortlich handeln und (ver-) ändern kann, wenn man sich auf gemeinsame Werte und Wertvorstellungen verständigen und einlassen kann – nicht zuletzt aus diesem Grund, stehen, auch Sie, lieber Papst Leo XIV., lieber Robert Francis Prevost, als und für das Symbol der Verständigung und der einzigartigen, von oben kommenden Handreichung in unserer Welt, trotz Unterschieden, Ambivalenzen und Unfrieden. Es geht nicht darum, zu bekehren, schönzureden, zu bewerten oder Dogmen hinauszuposaunen – es geht darum, sich zu fragen, wie will ich leben, fühlen, denken, handeln, in dieser Welt und welchen Strohhalm wähle ich, wenn das Meiste abgegrast und vernichtet wurde? Und, gibt es überhaupt diesen (dünnen) Strohhalm für mich, zum Festhalten? Ich selber kann sagen: Ja, diesen gibt es und er ist immer da, nicht nur in den ureigensten, abgründigsten, dunkelsten Stunden, sondern und besonders in den hellen, hellsten Stunden allgegenwärtig, jeden Tag, jede Nacht. Man muss nur genau hinschauen, hinhören und hinfühlen. Und dann den Weg wählen – den eigenen Weg. Man hat immer Wahl-Möglichkeiten. Jesus erscheint einem dann. Ich habe es selber mehrmals erlebt.

Lieber Leo, in einer Botschaft an die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften, die in diesen April-Tagen ihre Vollversammlung abhält, betonten Sie, „die Demokratie bleibt nur dann gesund, wenn sie im Sittengesetz und in einer wahren Sicht des Menschen verwurzelt ist“ – fehle diese Grundlage, laufe sie Gefahr, entweder zu einer Tyrannei der Mehrheit oder zu einer Maske für die Vorherrschaft wirtschaftlicher und technologischer Eliten zu werden. Letztendlich müssen wir, wenn irdische Mächte die „tranquillitas ordinis“ – die klassische augustinische Definition des Friedens – bedrohen, Hoffnung aus dem Reich Gottes schöpfen, das, obwohl „es nicht von dieser Welt ist, Licht auf die Angelegenheiten dieser Welt wirft und deren eschatologische Bedeutung offenbart“. Denn die göttliche Macht beherrsche nicht, sondern heile und stelle wieder her. Genau diese Logik der Nächstenliebe muss die Geschichte beleben, „denn vom Nächstenliebe inspiriertes menschliches Handeln trägt dazu bei, die ‚irdische Stadt‘ in Einheit und Frieden zu gestalten und sie – wenn auch unvollkommen (sehr wichtig!)  – zu einer Vorwegnahme und Vorwegstellung der ‚Stadt Gottes‘ zu machen.“

Nie waren diese Äußerungen eines Pontifex so wichtig wie in diesen Tagen der Konflikte, der Kriege, der Tränen, des Leidens und der Abgestumpftheit. Ihre gutmütigen Augen und Ihre hochgezogenen Mundwinkel und Ihre authentische Ausstrahlungskraft machen Mut, lieber Leo – bitte sprechen Sie weiter! Ich höre Ihnen zu! „Denn da, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.“