
Yvonne Schöllhorn
Redakteurin & Autorin
Liebe neue deutsche Jungfrau ohne Partner und ohne Sex,
zuerst kam mir spontan folgende erste Frage in den Sinn: Was lief in Ihrem, noch sehr jungen, Leben schief? Gefolgt von meiner zweiten: Warum lässt die Gleichberechtigung noch immer und konstant derart lange Phasen der Null-, geschweige denn der Weiter-Entwicklung für Frauen zu? Um direkt in meine dritte Frage zu münden: Was um Himmels Willen treibt Sie, in Ihrem bestimmt noch fulminant jungfräulichen Inneren, an, einen solchen Schritt zu gehen und diesen für Sie sehr persönlichen Einschnitt (nicht zu verwechseln mit Aufschnitt..) offiziell zu bekunden? Ist es die reine Ohnmacht der Frau als Kapitulation vor dem Mann und dem systemischen, systematischen Apparat? In Ihrem Fall wohl eher nicht. Dafür wirken Sie zu reflektiert, zu erwachsen und offen!
Liebe Cosma-Anna Engler, seit wenigen Monaten gehören Sie zum raren Kreis von circa 5.000 „geweihten Jungfrauen“ weltweit. Im Kölner Dom und nach intensiven Vorbereitungen und Gesprächen, u.a. mit Kardinal Woelki, knieten Sie nieder am Altar, in Ihrem langen, weißen Kleid mit Blümchenkränzchen und mit goldenem Ring an Ihrer rechten Hand, ein Priester segnete sie, überreichte Ihnen ein Gebetbuch und befestigte einen Schleier in Ihren Haaren. Sie nennen sich „Braut Christi“ und auf dem Foto Ihrer Weihe, das wie ein inszeniertes Filmsetting wirkt, ist Ihre Demut kaum mehr zu überbieten. Sie verzichten ein Leben lang auf Sex, haben Sie versprochen, Sie sind keine Nonne, Ihr Bräutigam ist Jesus und Sie haben einen relativ „normalen“ Alltag, versichern Sie. „Die Liebe, sich ganz Gott zu schenken, gibt mir so viel mehr, als mir ein Partner geben könnte“, betonen Sie – „ich bin glücklich, den geheiratet zu haben, den ich liebe“, so Ihre komplette Aussage. Sie seien lediglich dem „Ruf Gottes“ gefolgt -„Gott zwingt niemanden, ich habe mich bewusst dafür entschieden“, erläutern Sie. Sie arbeiten als Altenpflegerin, haben einen schlicht und frei gewählten, geregelten Alltag; „nur“ beten Sie morgens die Laudes (Morgenlob) und besuchen die Messe, nach Feierabend dann noch ein Abendgebet (Vesper, abendliches Lob). Dazwischen schauen Sie sich Filme an, lesen, meditieren, engagieren sich bei kirchlichen Freizeiten. Herrlich normal! Im Kern geht es Ihnen darum, Jesus’ Botschaft zu verbreiten. Dies haben Sie schon als Kind verspürt. Und können es jetzt ganz und gar ausleben. Einschließlich Gehorsam und Armut, neben eben der Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit.
Zynisch könnte man diesem jetzt entgegnen: Die Ehe ist out, insbesondere die kirchlich-katholische, da unfrei wie unselbstbestimmt, der Katholizismus schafft sich durch und in sich selber qua Eigen-Agitationen wie -verhalten ab, für guten, erfüllenden Sex inklusive multipler Orgasmen braucht es für die Frau schon länger keinen Partner mehr auf Augenhöhe (oder Genital-Höhe) und die Erfüllung des eigenen Selbst in allen Lebenslagen kann, aber muss nicht, zwangsläufig mit „oben“ einhergehen, auch nicht bei uns, Christen, egal, welcher Richtung des Christentums wir auch angehörig oder zugehörig sein mögen. Wir können mit Jesus immer und überall verbunden sein, hier gibt es keinerlei Grenzen und Beschränkungen, wurden wir einst getauft! Hier haben wir die größten Freiheiten – in alle Himmels- und Universums-Richtungen…es liegt an uns, was wir daraus machen, wie wir leben wollen. Aller Liebe Fundament ist immer und wahrlich die Nächsten-Liebe und die Eigen-Liebe, ohne Widerspruch. Deshalb gilt es auch, in Ihrem Fall, liebe Cosma-Anna Engler, Ihre Haltung und Ihr Lebensmodell zu respektieren, auch wenn ich es nicht nachempfinden kann und auch nicht will, da es unterwürfig und obsolet und entfremdet von Gott, Jesus, den Menschen wie auch der Welt erscheint und zu einem gewissen Maß auch ist! Jeanne d’Arc der anderen Art? Vielleicht ein bisschen. Gott sei Dank gibt es keine Hexenverbrennungen mehr! Gleichzeitig mutet die Jungfrauenweihe auch an wie eine Flucht aus der Gegenwartswelt, der Alltags-Dramatik, die ja längst nicht mehr friedlich, sonnig und menschlich ist.
Die Jungfrauenweihe ist vermutlich älter als die Priesterweihe! „Wir wissen, dass es einen Ritus gab, dass Frauen öffentlich versprochen haben, ehelos zu leben“, sagt Regina Frey, Professorin für Pastoraltheologie, die selbst „geweihte Jungfrau“ ist. Über die Jahrhunderte geriet die Jungfrauenweihe in Vergessenheit, zumindest öffentlich – allein bei einem Eintritt gelobten die Novizinnen, ehelos und enthaltsam zu leben. Der „Ordo virginum“, der Stand der geweihten Jungfrau, wurde allerdings erst 1970, fünf Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, eingeführt. Noch zu Jesu Zeiten wurden die ersten Frauen, die Jesus nachgefolgt sind, tatsächlich zu „Gott-geweihten Jungfrauen“ erklärt und erst später haben sich Frauen in Klöstern zusammengefunden. Man sagt, dass selbst die Mutter Gottes in frühester Kindheit die Jungfrauenweihe abgelegt hat.
Was nun müssen diese Frauen mitbringen? Laut Engler: Sie müssen eine biologische Jungfrau sein, d.h., sie dürfen noch nie Geschlechtsverkehr gehabt haben. Sie relativiert dann: „Die Reinheit des Herzens ist aber auch wichtig!“ Da bin ich jetzt aber erleichtert und froh!
Jungfrau bin und bleibe ich ohnehin mein ganzes Leben – am 10. September geboren, passen dieses Sternzeichen und ein Teil deren markant zugesagten, jungfräulichen Eigenschaften zu mir: Die Jungfrau ist eine Macherin, Lösungs- und Ziel-orientiert, ehrlich, klug, perfektionistisch, emotional, sensibel, organisiert, pünktlich, Detail-versessen, skeptisch und immer jung bleibend – that‘s me! Jungfräulich bedeutet ja auch natürlich, unberührt, unverfälscht. Vor Gott sind wir alle gleich.
Der Name Cosma hat übrigens seine Wurzeln im Griechischen und leitet sich vom Wort „Kosmos“ ab, was „Ordnung“ oder „Welt“ bedeutet. Das passt zu Ihnen, liebe Cosma-Anna Engler!

Cosma-Anna Engler vor dem Kölner Dom. Foto: Privat