Yvonne Schöllhorn

Redakteurin & Autorin

Lieber Seelsorger Andreas Unfried,

Der große Reformator Martin Luther. Foto: Sammlung Lutherhaus Wittenberg

welch Entscheidung! Sie haben die Liebe zu Ihrer langjährigen Partnerin endlich an die erste Stelle Ihres Lebens gestellt. Laut und leise zugleich haben Sie Ihr Inneres ehrlich und authentisch nach außen getragen. In einem Treffen mit Bischof Georg Bätzing, genauer gesagt im Rahmen eines Zukunftsworkshops, und in Anwesenheit von Gemeinde- wie Kirchenmitgliedern – alle, vor Ort, hat es vom Hocker gerissen, keiner ahnte etwas, im Geheimen liebten Sie eine Frau, Ihre Frau, lange, sehr lange. Und, dann, Peng, sagten Sie, was Ihnen jetzt wichtig ist inklusive aller Konsequenzen, die ein katholischer Pfarrer dann sekündlich zu tragen, zu ertragen, hat. Und, das ist viel an Bürde, viel an Zwiespalt, viel an Konflikten und Kompromissen, viel an Einbußen, aber auch jede Menge wahrer Freiheit und freier Wahrhaftigkeit!

Welch Christen-Auftritt! Sie, 63, wollen heiraten, erwähnten Sie – nach 37 langen Jahren im Dienst der katholischen Kirche. Sie hätten den Zölibat versucht, zu leben, so die Worte in Ihrem Abschiedsbrief – und wollen nun Ihrer „zweiten Berufung“ folgen. Sie sind ein leuchtender Pionier-Stern am Christen-Himmel! Jene, die Ihnen folgen werden, haben es wahrscheinlich weniger schwer als Sie. Die Zölibat-Reform, die Priesterweihe für Frauen, eine Päpstin (wir erinnern uns..) und weitere Neuerungen werden den patriarchalisch aufgebläht-aufgeblasenen, unzeitgemäßen Apparat der katholischen Kirche als Institution weiter konfrontieren – so vehement, dass der jetzige niedergerissen wird und ein gleichberechtigter Neubeginn für Frauen wie Männer starten kann. Ein steiniger Weg, aber er wird kommen, er muss kommen. Irgendwann, da bin ich mir sicher. Sie, lieber Andreas Unfried, haben – gesellschaftlich gesehen – Großartiges mutig vollbracht und auch noch mutiger in die Welt hinausgetragen! Das ist gelebter Glaube! Glaube, Liebe, Hoffnung – Ihre Hoffnung und Ihre Liebe leben, beide leben direkt und hautnah unter uns.

Als junge Reporterin habe ich vor circa 25 Jahren eine Story über eine Geliebte eines Priesters zusammengetragen und veröffentlicht – damals war das noch mehr ein rigoroses Tabu-Thema als heute; lange, aufwendige Recherchen gingen voraus, keiner wollte sich in Text und Foto die Blöße geben – das hat sich glücklicherweise geändert. Lustig und ernst bei dieser Geschichte war, dass ich für das Stellen des Bildes ein echtes Priestergewand auftreiben musste, weil damals keiner bereit war, mir eines zur Verfügung zu stellen – nicht mal am Theater fand sich eines im Fundus. Also, besorgte ich mir einen Talar direkt im Priesterseminar für meinen Interviewpartner. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Jener Priester, der ihn mir ausgehändigt hatte, nahm mich zur Brust (darf man das heute noch sagen?) und fragte flüsternd, um seine Mitbrüder nicht zu behelligen: „Sie verwenden es aber nicht gegen die Kirche, oder?“ Ich lächelte. Natürlich nicht. Alles eine Sache der Perspektive.

Als evangelische Christin hat mich von Teenager-Beinen auf die katholische Kirche genauso in ihren Bann gezogen wie meine eigene. Nicht nur die vielen bereichernden Begegnungen innerhalb der katholischen Kirche mit Menschen, waren es, vielmehr das Sozial-Caritative sowie die Barmherzigkeit und insbesondere die Machtstrukturen im Vatikan (Besuche mit meinen Eltern in meiner Kindheit in Ordenshäusern in Rom haben sich mir eingeprägt) und rund um den Globus und wie diese überhaupt so lange ohne den Aufschrei der Frauen gelebt werden konnten und noch immer können und, wie Männer sich einordnen und unterordnen, freiwillig. Letzteres fand ich grenzwertig und nicht selten habe ich dieses Verhalten als Fehlverhalten interpretiert und erachtet. Dennoch sehe ich die Ökumene als den wertvollsten Auftrag, den wir, ob nun protestantisch oder katholisch, zu erfüllen haben, und dieser hat zu wenig Gewichtung respektive zu viel an dieser verloren. Hier sind wir alle aufgefordert, mitzubauen.

Als Bürgerin einer Stadt, der Fuggerstadt, mit ihrer über 2000-jährigen Historie, in der das Friedensfest (8.8.), einem weltweit einzigartigen Feiertag, und der Religionsfrieden (25.9.1555 Confessio Augustana – grundlegende Bedingungen für eine friedliche und dauerhafte Koexistenz von Luthertum und Katholizismus) zu Hause sind, fällt mir auf, wie fern Menschen im Alltag diesem (dem Religionsfrieden und der Ökumene) geworden sind und wie wichtig ein ökumenischer Weg wäre – er bräuchte vor allem wieder VorausDenker und VorausGeher. Nicht ausschließlich zu Festen, bestimmten Tagen (Reformationstag am 31.10.) und bei Anlässen und Regularien, sondern jeden Tag. Und: Neue Lutheraner und neue Katholiken und neue Ökumeneisten (w/m/d etc.). Phönixe aus der Asche. Asche auf die Häupter. Ich gehe jetzt in die Meditation. Und bete. Damit der Geist der Gleichberechtigung, der seit Jahrhunderten in meiner evangelischen Kirche, herrscht, endlich überspringt auf das Patriarchat der Amtskirche der Katholiken. Papst Leo (siehe meinen Blog-Beitrag vom 16. April 2026), Sie haben viel zu reformieren! „Nur, wer sich entscheidet, existiert“, sagte Martin Luther (1483-1546). KI sagt, der Spruch werde Luther fälschlicherweise zugeschrieben, das Zitat käme angeblich von den Existenzialisten des 20. Jahrhunderts oder aus dem Bereich des Dezisionismus. Oh, mein Gott! Ich schließe. Mein Glaubens-Fenster.. Für heute.. Amen!

Der Geistliche und Irdische Andreas Unfried (links) aus Oberursel (Hochtaunus) mit dem Limburger Bischof Georg Bätzing. Foto: Jochen Reichwein